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Astronomie in der Großstadt
Ein Erfahrungsbericht

Ich bin ein Großstadt-Astronom: Da ich keinen Führerschein besitze und mir die Zeit und das Geld für häufige Exkursionen fehlen, bin ich auf die Bedingungen angewiesen, die mir Berlin und das unmittelbare Umland bieten.

Beobachtung und Fotografie

Das folgende Foto wurde während der totalen Mondfinsternis am 16. September 1997 in Berlin aufgenommen und demonstriert gnadenlos die Grenzen, aber auch die Möglichkeiten, die einem selbst extrem lichtverschmutzte Regionen bieten:

Lichtverschmutzung

Die Aufnahme wurde zehn Sekunden (!) auf ISO 400-Film belichtet. Die Himmelsaufhellung durch die Stadt ist offensichtlich. Unter diesen Umständen kann man keine ernsthafte Deep-Sky-Beobachtung und Fotografie betreiben. Dennoch lassen sich meine Hobbys bei der Astrofotografie ideal kombinieren:

Ich betreibe schwerpunktmässig Mond- und Planetenbeobachtung und fertige dabei auch Fotos an. Hierfür nutze ich ein Meade 20cm Schmidt-Cassegrain-Teleskop mit 2000mm Brennweite und ein 100/1000mm Maksutov ("Russentonne"). Wegen ihrer Kompaktheit sind diese sog. katadioptrischen Systeme für die Beobachtung vom Balkon aus ideal. Den Maksutov kann man auch problemlos mit Stativ als Handgepäck im Bus transportieren.

Sofern ich Zeit hierfür habe, beobachte ich gern die Sonne. Hierbei lässt sich selten stärker als 100-fach vergrößern, da die Atmosphäre in Richtung Sonne sehr starke Turbulenzen aufweist und somit extrem flimmert. Es gibt bei der Sonnenbeobachtung also keinen "Standortvorteil", von hohen Bergen einmal abgesehen.

Selbst inmitten einer Millionen-Metropole kann man bei der Beobachtung und Fotografie von Mond und Planeten exzellente Ergebnisse erzielen, sofern die Luftruhe gute Beobachtungen zulässt. Die Mondfotos in meiner Galerie entstanden auf meinem Balkon.

Hierbei können Digitalkameras ihre Stärken voll ausspielen: Man kann unmittelbar nach der Aufnahme am PC überprüfen, ob die Fotos gelungen sind oder nicht. Somit lassen sich die seltenen Nächte mit wirklich ruhiger Luft viel effizienter nutzen als mit analogen Kameras, bei denen man eventuelle Fehler in der Aufnahmetechnik erst bemerkt, wenn es für eine Wiederholung längst zu spät ist. (Da die Helligkeit z. B. des Mondes auch von der Klarheit der Atmsphäre abhängt, trifft man die richtige Belichtung meistens erst nach einigen Versuchen.)

Zeichnen am Fernrohr

Bei Planetenbeobachtungen fertige ich auch gern Zeichnungen an. Hierbei lassen sich oft genauere Ergebnisse erzielen als bei der Fotografie, da man die Sekundenbruchteile mit flimmerfreiem Bild, die sonst durch längere Belichtungszeiten verschmiert werden, abwarten und die beobachteten Strukturen dann zeichnen kann.

Die Abbildung zeigt eine meiner ersten Marszeichnungen. Sie entstand kurz nach der extrem nahen Opposition im Jahre 2003 an meinem 20cm-Teleskop bei guter bis mittlerer Luftruhe.

Mars

Der Anblick entspricht dem im umkehrenden Fernrohr mit Zenitprisma, das Bild ist also aufrecht stehend, aber gegenüber dem Anblick mit bloßem Auge seitenverkehrt. Die Vergrößerung war 222,22-fach, der scheinbare Durchmesser des Mars betrug nur knapp 1/50 von dem des Mondes bei gleicher Vergrößerung!

Eine Zeichnung sollte innerhalb weniger Minuten abgeschlossen sein, da die Rotation des Planeten sonst stört.

Große Amateurteleskope in der Stadt?

Bei der Mond- und Planetenfotografie und -beobachtung hat ein großes Teleskop viele Vortelie: Bei ruhiger Luft hat ein Gerät mit großer Öffnung eine sehr hohe Auflösung, so dass man feine Strukturen deutlicher und kontrastreicher erkennt: Mein visueller Rekord liegt beim Mond mit einem 20cm-Teleskop bei 400-facher Vergrößerung bei einer rund 400 Meter breiten Rinne! Unter diesen Umständen hätte es ein gutes 10cm-Teleskop auf 800 Meter gebracht.

Um bei der Astrofotografie Luftturbulenzen zu unterdrücken, bedarf es meiner Erfahrung nach Belichtungszeiten von maximal ca. 1/90 Sekunde. Dies ist mit einem Öffnungsverhältnis von 1:10 gut machbar. Bei kleinen Teleskopen muss die Brennweite verdoppelt werden, um den Mond formatfüllend abzubilden. Dies resultiert in einem Öffnungsverhältnis von 1:20 und einer vierfachen Belichtungszeit gegenüber dem großen 1:10-Gerät: Selbst Gesamtansichten des Mondes drohen zu "verwackeln".

Auch bei Fotografien im Sekundenbereich, bei denen die Luftunruhe, das sog. Seeing, sowiso nicht ausgeschaltet werden kann, bringt eine große Öffnung aus dem eben genannten Grund Vorteile: Kann man eine statt vier Sekunden belichten (Bei gleicher Effektivbrennweite ist dies die Ersparnis, die man bei Verdoppelung der Öffnung erzielt.), verringert sich die Gefahr, dass eine Aufnahme durch Wind oder Erschütterungen verwackelt, beträchtlich.

Wer also ernsthaft Mond- und Planetenbeobachtung und -fotografie betreiben möchte und die Möglichkeit hat, von einem Balkon oder einer Terrasse aus zu beobachten, sollte die Anschaffung eines Teleskops der 20cm-Klasse in Erwägung ziehen. Eine größere Öffnung macht bei visueller Beobachtung keinen Sinn, da sich hier die Luftturbulenzen immer störend bemerkbar machen (je größer die Öffnung, desto schlechter das Seeing).

Alle hier beschriebenemn Beobachtungen lassen sich auch mit einem transportablen 10cm-Gerät, wenn auch mit geringerer Auflösung, durchführen. DENNOCH LOHNT SICH DIE ANSCHAFFUNG!

Version vom: 17.9.2008 | Autor: Christian Leu | Hinweis zum Drucken | Datenschutzerklärung